Ein Künstlerkollege hat einmal über die Arbeiten von Thomas M. Hartmann
bemerkt, es gehe letztlich um Heimat. Das stimmt.
(In des Dichters Novalis Sinn, geht es auch in der Philosophie immer um
Ankommen, um Heimat. Denn in unserem ganzen Leben geht es darum.)
In einem anderen Sinn will ich dem widersprechen. Hartmann bemerkt immer
wieder das Befremdliche im Übersehenen und im Heimatlich-Vertrauten.

Es geht auch darum, zu begreifen, dass man als Künstler nirgendwo beheimatet
sein kann. Um das auszuhalten, schafft man Kunst.
Kunst ist deshalb weitgehend eine einsame Tätigkeit:
Eines der Kunstwerke, die mir besonders gut gefallen: die Dornenheckenstäbe,
sie sind undurchdringlich. Sie veranschaulichen für mich das, was ich gerade
gesagt habe: Da mag man an Heimat wahrlich nicht denken, da mag man nicht
durchgehen. Aber wäre man nicht auch gerne drin, geschützt?
Im übrigen ist gute Kunst nie langweilig. Irgendwo las ich: Das Leben ist
meist langweilig; die Kunst nie - sie ist Konzentrat des Lebens. Genau so
ist es. In mehrerlei Hinsicht: Sie ist Konzentrat von vielen Stunden des
Arbeitens (mit dem Kopf und der Hand), und sie ist ein Konzentrat von
vielerlei Gedanken, in die fremde Gedanken (aus Lektüre, Kunsterfahrungen
und auch aus dem langweiligen Alltagsleben) eingeflossen und anverwandelt
sind.
Ich habe vor einiger Zeit mit jungen Studenten über moderne Kunst geredet,
und zwar über das berühmte schwarze Quadrat von Malewitsch. Das ist ja nun
schon fast ein Jahrhundert alt, und noch immer ist es modern genug, um von
vielen abgelehnt zu werden.
Wir haben uns dann intensiver mit dem Werk beschäftigt. Am Ende sagten die
Studenten: In gewisser Weise ist uns das Werk jetzt nicht mehr so fremd.
Aber eigentlich geht die Fremdheit nicht weg; je näher man das Fremde kennen
lernt, umso mehr Befremdliches entdeckt man.
Das bestätigt auch ein Satz von Kardinal Lehmann, den ich angesichts der
Ehrenpromotion des Künstlers Arnulf Rainer sagen hörte: "Die Kunst ist eine
wichtige Quelle für Spuren der Offenbarung." Das ist ein großes Wort, wie es
vermutlich weder Thomas M. Hartmann noch ich sagen würde. Aber ein großer
Mann und Kardinal darf es sagen, und er wird ja wohl nicht unrecht haben.
Jedenfalls habe ich einen unverdächtigen Beweis für seine These: Bei einer
Ausstellung von Thomas M. Hartmanns Werken hörte ich ein Kind über eines
seiner Werke (in diesem sagenhaften Blau, in dem auch seine "Himmelsleiter"
erscheint) sagen: Ich glaube, so sieht Gott aus.
Thomas M. Hartmann ist als Künstler ein sinnlicher, sanfter, beschaulicher
und vielseitiger Experimentator. Man sieht, dass er Freude hat an seinen
Experimenten.

Dr. Gerd Gerhardt